Neuanfang

 

Ich trage die Krankheit buchstäblich auf meinen Schultern und doch ist ihre Ausdehnung nur schwammig definiert. Sie ist mal groß und platzeinnehmend. Überschwemmt meinen Geist und meinen Körper und findet Eingang durch die Pforten meines Selbst tief hinein bis in mein Herz. So viel ich davon zu haben ersehne, so wenig vertraue ich auf ebensolches bei meinen Mitmenschen.

Vor etwas über einem Jahr habe ich das Vertrauen in die Menschheit, und alles worauf ich sonst baute, verloren. Ich wurde überschwemmt von Zweifeln und Angst. Der Weg zum Bus wurde zu einem Seiltanz, das Brötchenkaufen zu einer unüberwindbaren Prüfung und der Stuhl vor dem Arbeitscomputer zu einem Schleudersitz angetrieben von Paranoia und Angst.

Der Horizont kippte und zeichnete eine schräge  Linie in den bedrohlich erhellten Himmel meiner veränderten Wirklichkeit. Einem Strudel, der mich tiefer in meine Abgründe zog. Kurz, ich wurde psychotisch.

Nun aber bin ich zurück und kann berichten von meinem Weg in die Psychose und, wichtiger, meinem Weg aus ihr heraus. Denn sie begleitet mich immer noch, diese Zeit, die mich in die geschlossene Psychiatrie brachte. Dieser Blog soll ein Zeugnis sein, wie der Geist heilen kann und beweisen, dass es sich trotz schwerer psychischer Erkrankungen ein erfülltes, glückliches Leben führen lässt.

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Hervorgehobener Beitrag

Fühlen mit Neuroleptika

Ich habe, wie viele, eine ganz schöne Palette an Neuroleptika durch. Kleine, bunte Pillen – mal süß, mit Vanille und Cassis-Geschmack. Doch egal wie ansprechend die Packung lockte, es blieben bittere Pillen. Ich nehme sie zwar, aber nicht gerne.  Sagen wir, es ist eine Vernunftentscheidung. In dem Jahr nach der Psychose habe ich mich mal besser und mal mies gefühlt, aber was davon von den Medikamenten kam, ist unmöglich für mich zu sagen. Lange glaubte ich, dass sie mich in einem leichtdepressiven Zustand hielten, doch dann lichtete sich das Grau und ich musste meine Annahme wieder überdenken. Was taugen also diese kleinen Pillen, frage ich mich? Verhinderten sie eine weitere Psychose oder erklären sie meine Trägheit und Antriebslosigkeit und diese verdammte Freudlosigkeit, die ab und an auf- und wieder abtaucht? Man muss dazu sagen, dass ich eine geringe Dosis nehme, und daher nur wenige Nebenwirkungen habe. Meine Meinung zu dem notwendigen Übel wäre wohl deutlich abwehrender, hätte ich meine Anfangsdosis weiter nehmen müssen. Sabbernd und mit drehendem Kopf hatte ich auf der Bettkante gesessen, unfähig mich zur Seite zu lehnen. Da muss man sich fragen, ob es das wert ist. Solche Geschütze gegen die inneren Dämonen aufzufahren.

Jetzt frage ich mich es nicht, aber es bleibt im Hinterkopf, ob ich für immer auf Medikamente angewiesen sein werde. Das fände ich schrecklich. Das Gefühl, fremdgesteuert und abhängig zu sein, regt in mir Gegenwehr. Ich will nicht krank sein! Ich will kein allabendliches Symbol meiner Hilfsbedürftigkeit. Ich will frei sein, den Tag nehmen wie er kommt und mir keinen Kopf um meinen Kopf machen müssen.

Aber jetzt gerade ist es ok. Ich vertraue der Meinung meiner Psychiaterin und ich fühle mich gut. Selbst mein Gewicht ist wieder auf demselben Stand wie vor der Psychose. Es geht also, sich gut fühlen unter Neuroleptika. Der berühmte Schleier oder das Zombie-Gefühl hat sich nicht eingestellt und ich erlebe das Leben wieder „mit Farbfilm“ statt in schwarz-weiß.

Es ist einfach, seine Stimmung auf die Nebenwirkungen zu schieben, aber ich habe gemerkt, dass das Gehirn unheimliche Selbstheilungskräfte hat, obwohl es sich gleichzeitig manchmal selbst Steine in den Weg legt. Also nehme ich heute Abend diese verflixte kleine Pille in ihrer zuckersüß heuchlerischen Gestalt und denke nicht weiter daran, sondern freue mich, dass es mir gerade gut geht.

Joggen

Joggen ist eine heikle Sache. Es soll gut tun in jeder Hinsicht, stärkt die Muskeln und den Geist, macht ausgeglichen und glücklich…

Ich versuche mich immer mal wieder in dieser Tätigkeit und ich hasse es meist von Herzen. Allein sich in die zu enge Funktionswäsche zu quetschen ist eine Zumutung. Dann hängt mein Busen noch tiefer als sonst und wackelt bedrohlich im Rhythmus meiner trägen Schritte von links nach rechts. Die ersten Meter tut es noch weh, dann ist es mir für eine Weile egal bis der erste Jogger an mir vorbeiläuft. Ich mit meinem wackelnden Hinterteil zuckele wie ein überfüttertes Jahrmarktspony in Aldi-Sporthosen dahin, während in großen Schritten ein Personal-Trainer-Typ an mir vorbeizieht. Toll! Einfach spitze dieses Joggen, besonders für das schweißdünstende Ego. Nach einer halben Stunde gehe(!) ich wieder zur Wohnung zurück und manchmal passiert ein Wunder. Ich fühle mich…gut! Ich fühle mich besser als vor dem trägen Gehopse. Ich stelle mich vor den Spiegel und abgesehen von den krebsroten Flecken in Gesicht und Dekolleté, die denken lassen dass ich mich aus Überdruss in einen Ameisenhaufen geworfen hätte, finde ich mich ganz ansehnlich.

Toll, dieses scheiß schweißige Joggen!

Depression.

Ich liege im Bett – seit gestern um 6 Uhr abends. Ich warte. Warte, dass etwas passiert, in mir, aber meine Innenwelt bleibt unbewegt. Ist kein überhitztes Van Gogh-Gemälde, wie in der Psychose, sondern eine eisige Polarlandschaft. Eine Eiszeit ist angebrochen und Schnee legt sich über die korngelben Hügel. Meine Bettdecke verwirft sich in Falten zu einem Gebirge der Bewegungslosigkeit. Ich schäme mich mäßig für mich selber. Ich weiß, dass mich keiner sehen wird, Kontakte habe ich abgebrochen, das Telefon auf lautlos gestellt. Ich lasse dämliche Playlists auf YouTube laufen, damit ich nichts selbst aussuchen muss. Maximales Nichts-Tun.

Ab und zu durchkämme ich mit den Fingern meine Haare und reiße mir die aus, die in ihrer Beschaffenheit irgendwie anderes geformt sind als der Rest. Lockiger, dicker, dunkler… neben mir hat sich schon ein dicker Haarbalg angesammelt, Zeugnis von den vergangenen Tagen. Wenigstens die Zeit ist weitergeschritten, an mir vorbei.

Ich lege mich zur Seite und dann durchfährt mich ein innerer Schmerz. Die ganze Sache ist doch Mist, ich habe mein Leben verwirkt, sage ich mir in Gedanken oder vielleicht auch laut, um mich ihrer Wahrheit zu vergewissern. Zu prüfen, ob sie stimmen. Das schafft ein bisschen Entlastung, aber nicht genug um nicht in meine Handoberseite zu beißen. Ich könnte heulen, obwohl könnte ich es wirklich? Noch habe ich keine Träne vergossen. So viele Floskeln überall. Sie schleichen sich in unseren Sprech ein wie Aale in ausgehölte Kuhschädel (So hat man tatsächlich früher Aale gefangen). Ich bin ein dummes, hilfloses Tier und mir fehlt es an allem. An Kraft to engage in life, Freude zu empfinden, Schönheit in der Welt zu erleben. Mir fehlt es schlicht…an Leben. Und so drängt sich der Tod quasi auf. Nicht in Selbstmordphantasien aber als Konzept, um seinen Zustand zu beschreiben. Wenn man nicht lachen kann, nicht leiden, nicht fühlen, dann hat man doch schon einen Fuß im Grab. Dafür brauch man nichts Entferntes herbeizusehnen. Das Leben ist aus einem herausgesogen. Alles, was es lebenswert macht und so ist der Verstand letztes Refugium. Er kann sagen: „Das geht vorbei!“ auch wenn es sich nicht so anfühlt.

Aber jetzt ist er da der Schmerz. Und jetzt, und jetzt, und jetzt…

Willkommen zurück!

Die Tage vergingen und von Zeit zu Zeit schien mein Denken wie nach einem Gewitter etwas aufzuklaren. Tatsächlich ging der Vorgang in meiner Erinnerung sehr abrupt vonstatten. Ich konnte mit einem Mal auf meine Vorstellungen zurückblicken und  sie teilweise als absurd wahrnehmen. Der Gedanke krank zu sein war mir zwar immer noch fremd, gerade weil ich diese Tatsache ja erst anerkennen konnte, als ich mich wieder besser fühlte, aber ich verstand nun, dass es gerechtfertigte Gründe gab, dass ich in einem Krankenhaus war. In der Hochphase wäre dies aber eine viel zu schmerzhafte Erkenntnis gewesen. Das Programm der Psychose hatte mein Denken in Beschlag genommen und den Fakt einer psychischen Erkrankung anzuerkennen, wäre gleichgekommen den letzten Rest meines Ichs aufzugeben. Ich klammerte mich an meine Wahnvorstellungen und fand in dieser bedrohlichen Welt eine Realität von der ich mein Selbst abgrenzen konnte. Hier waren alle anderen nicht wie ich, ich war allein, aber deshalb war ich immerhin wer. Ich war quasi ein Gegenentwurf zu meinen projizierten Ängsten. Und ich war Hoffnung, dass es irgendjemand/-etwas da draußen gab, was mich beschützte und dass es eine Zeit danach gab. Diese Hoffnung hat mich zu keinem Zeitpunkt verlassen und hielt mich am Leben. Das Vertrauen in meine Freunde und Familie, es hat mich gerettet.

Der riesige Illusionsball war verpufft und ließ mich ratlos zurück. Ich schämte mich für mein Verhalten, da ich es selbst nicht verstand mich aber genau an die Details erinnern konnte. Sie waren so bedrohlich und existentiell gewesen und jetzt verwandelten sie sich Nichtigkeiten. Nie würde ich in der nächsten Zeit im Fernsehen auftreten, aber auch meine Mutter würde nicht sterben. Da meine Angstvorstellungen dominierten, konnte ich es als Erleichterung sehen, aber die wenigen glücklichen Momente – meine Hoffnungsanker waren mit ausgelöscht. Die Berühmtheitsphantasien. Wieder hatten sie ein unauflösbares Paradox in mir ausgelöst: Erleichterung nicht gesehen zu werden und andererseits die Trauer nicht erkannt zu werden und allein zu sein. Der Wahn hatte beide Extreme umso heller erscheinen lassen. Die Funktionsweisen unserer Psyche an die Oberfläche gebracht. Die Widersprüche in uns sichtbar gemacht. Die Widersprüche verblassten und mischten sich zu einem Braungrau. Damit war meine Wirklichkeit angestrichen und zaghaft fügte ich meine Pinselstriche hinzu. Die soziale Kontrolle, die, wie ich meinte, in solch einer Extremsituation ausgehebelt war, spürte ich nun umso mehr. Allerdings war ich auch während der Psychose nicht völlig enthemmt – im Gegenteil. Ich wägte jeden Schritt genau ab, da jede Entscheidung meiner Meinung nach immense Folgen haben würde. Über meine Wahnvorstellungen, die sich ständig änderten, konnte ich mich auch nicht zu klaren Handlungen durchringen. Alles war ein Hin- und Hergerissensein. So hatte ich auch nie versucht aus der Psychiatrie zu fliehen, weil ich meinte, dass draußen eine Bedrohung wartete. Innen hatte man aber zeitgleich Spione eingeschleust. So verliefen die Frontlinien überall und änderten ihren Standpunkt.

Nun war die Welt geschrumpft. Zusammengefallen  und zurückgekehrt zu alten Mustern, die ich nun neu entdeckte. Ich empfand Trauer.

Stigma.

Stigma ist scheiße, dem stimmt erst einmal jeder zu. Aber warum existiert es dann noch? Wieso ändert sich der Blick der Arzthelferin, wenn auf der Überweisung die Adresse eines Psychiaters steht?

Ich habe es trotzdem versucht, offensiv über meine Erkrankung zu reden. Ich musste es nach außen tragen, in irgendeiner Form, sonst hätte es mich innerlich aufgefressen. Wie ein hungriges Tier streunte es schon so in meinen Gedanken umher und war immer und überall präsent. Eine Polizeisirene, der Geruch von Scheuermittel, alles Mögliche konnte mich triggern, brachte die Zeit zurück, beinahe so nah und so angreifend wie in der Psychose. Manchmal schleuderte es mich also zurück in eine Parallelwelt mit verdrehten albtraumartigen Bildern, die nur ich gesehen hatte. Ich konnte im Nachhinein aber kein kollektives Trauma bearbeiten, sondern war allein in der Aufarbeitung und es lag an mir mich aus dieser Isolation zu befreien. Ich redete also über meine Psychose mit Freunden. Guten Freunden. Blieb erst an der Oberfläche und stieg bei Interesse weiter in die Thematik ein. So ergaben sich sehr besondere Gespräche und meine Freundschaften verfestigten sich, aber wichtiger, ich war nicht mehr allein. Und niemand verurteilte mich, niemand wendete sich von mir ab – ich habe wirklich klasse Freunde. Denn Stigma macht einsam. Stigma schnürt ein und macht bewegungs- und handlungsunfähig. Stigma ist…scheiße!

Und dann kam der Tag, an dem eine Bekannte von ihrer verhaltensauffälligen Tochter berichtete und von der Meinung, die sie dazu von Psychologen eingeholt hatte. Ich saß still da, hörte aufmerksam zu und merkte wie ich mein Körper sich verspannte. Ein Unbehagen machte sich breit und ließ meinen Unterkiefer kreisende Bewegungen machen und mich an meinem Ring rumfingern. Ich rutschte von rechts nach links, versuchte, dass mir das Gesicht nicht mit verrutschte. Du bist ein aufgeklärter Mensch, sagte ich mir, beherrsch dich. Du hast selbst eine psychische Störung und wieso um Himmels Willen macht dich diese Situation so nervös? Ich meine sogar, dass mir Gedanken kamen wie: „Darüber redet man doch nicht!“ Doch, meldete sich mein Verstand. Doch, darüber muss man reden!

Diese Situation brachte mir etwas vor Augen. Das Problem, welches unter dem des Stigmas liegt, ist Angst. Eine natürliche Abwehr mit der wir uns schützen. Und so reicht es nicht Stigma schlicht zu verteufeln, denn dann kommen wir nicht weit. Stigma wird aus Angst geboren und solange wir nicht die Gründe dieser Angst angehen, wird es auch nicht verschwinden. Stigma ist zwar scheiße, ja, aber Stigma ist auch natürlich und universell.

Ich bin überzeugt, dass uns psychische Angst jeder Form ängstigen, da sie aufzeigen wie zerbrechlich unser Leben innerhalb der Zurechnungsfähigkeit ist. Einen Identitätsbegriff müssen wir uns (gerade im postmodernen Zeitalter) mühsam, nach kindlicher  Selbstverständlichkeit, neu zusammenschustern. Und es gibt so viele Realitäten wie es Augenpaare auf dieser Erde gibt. Wir leben nach Mustern der Wahrscheinlichkeiten, die sich uns je nach unseren Erfahrungen ergeben. Ich wohne in Berlin und so habe ich gelernt, dass die S-Bahn vor meiner Tür alle 5 Minuten kommt. (Außer bei 3 unheimlich großen Schneeflocken, bei verdunkelnden Mückenschwärmen, stark hustenden Rentnern….aber anderes Thema) Aber eigentlich könnte auch alles anders sein. Unendlich viele Dinge könnten eintreten, dass ich die S-Bahn heute nicht erreiche. Psychisch Kranke zeigen auf, wie die Welt kippen kann und alle Gewissheiten sich in Ungewissheiten umkehren können. Nichts ist sicher! Diese Wahrheit strahlen sie aus, und stoßen sie vor unsere sicherheitsliebenden, stumpfen Köpfe. Ich kann morgen mit der 5-Minuten-S-Bahn einen tödlichen Unfall haben. Oder ich kann wahnsinnig werden und der Auslöser liegt in meinem eigenen, zerbrechlichen Hirn und die Welt sieht plötzlich anders aus.

Stigma abbauen heißt Angst abbauen. Ein individueller, sowie kollektiver Prozess, der viel Arbeit an sich selbst bedeutet und nicht einfach ist. Es reicht nicht Stigma zu verurteilen, um dagegen anzugehen. Auch ich muss noch viel an mir arbeiten. Aber bis dahin werde ich mich auf jeden Fall bei der Freundin mit Kind melden und mal wieder bei Kaffee ausgiebig alles bequatschen.

Ich werde es versuchen: reden, zuhören und verstehen. Denn wer etwas versteht, der merkt oft, dass seine Angst davor unbegründet war.

Der Oberarzt ist ein Arschloch, Mama!

Ich war florierend psychotisch und habe in den anderen Beiträgen versucht zu beschreiben, was das für mich bedeutet hat. Wie aber sah es auf der anderen Seite aus? Die der Behandler und meiner Familie?

Die einen waren professionell und analysierten Symptome, die anderen schauten mit Schrecken und Hilflosigkeit zu wie sich, die ihr bekannte Person, die Tochter, Schwester, Nichte im Irrsinn verlief.

Vor ihnen wurde ich unmerklich wieder zum Kind. Duschte mit meinen Sachen an, oder stellte vermeintlich selbstverständliche Fragen, um mich zu vergewissern. Denn nichts war mehr wie zuvor, also schienen Fragen wie „Fährst du mit dem Auto auch wieder zurück?“ beinahe belanglos, höchstens leicht schräg. Für mich aber versteckten sie einen Wust an irrsinnigen Konstrukten, die ich verbarg. („Meine Eltern würden ausgeliefert werden. Dies ist das letzte Mal, dass ich sie sehe“, geisterte es in meinem Kopf umher.) So vieles, das ich nicht aussprach, nicht aussprechen konnte, da mir die Worte verloren gegangen waren. Die Ambivalenz mit der Sprache uns dient und sie uns gleichzeitig abzuschütteln versucht, die habe ich in diesen Momenten besonders stark gespürt. Die Dinge passten nicht mehr mit den Worten überein. Da war eine himmelschreiende Lücke zwischen mir und der Welt. Gleichzeitig fehlte mir der Zugang zu meinen Emotionen. Dass ich Angst gehabt habe, wurde mir beispielsweise erst sehr viel später bewusst. Auch auf die Frage, wie es mir gehe, hätte ich wohl mit einem mir selbstverständlichen „Gut.“ beantwortet. Meine Welt stimmte nicht mehr, aber dass mit mir etwas nicht stimmte, das konnte ich nicht sehen. Oder wie Herta Müller es so viel treffender zusammenfasst: „Wenn die Welt nicht mehr stimmt, dann stürzen auch die Worte ab.“

Wer mir da mit Krankheitsvokabular kam, den konnte ich nur spöttisch belächeln. Nichts wusste er, wenn er nicht wusste wie ich mich fühlte. Ich konnte nicht austreten aus meiner Welt und wer nicht in diese mit eintreten wollte, den nahm ich nicht wahr, zu dem konnte ich keinen Kontakt aufbauen.  Wahnvorstellungen, was? Meine Vorstellungen waren meine Vorstellungen – ich hatte nichts anderes, das meinen Geist füllte. Wahn und Nicht-Wahn verschwammen, wurden von dem jeweils anderen vereinnahmt und überlagert. Den Begriff Wahn gibt es nur solange man sich in der Normwirklichkeit befindet. Danach lebt man wie immer in seiner Welt und kann auf den Irrsinn erst zurückblicken, wenn man die Schwelle ein zweites Mal in Richtung Zurechnungsfähigkeit überschritten hat.

Und so wurde der Oberarzt zu einem ignoranten Arschloch, wie ich meiner Mutter bei ihrem Besuch mitteilte. Weil er nicht verstehen wollte und weil er es war, der über mich verfügte; der meine Ausgänge bestimmte, mir Medikamente verschrieb, die ich schlecht vertrug. Ich verabscheute vieles an ihm, aber insbesondere seine freundliche Art, die ich als fahrlässige Selbstgefälligkeit deutete. Ihn machte ich als in der Klinikhierarchie als am höchsten stehend aus und so trug er auch am meisten Verantwortung für meinen miserablen Zustand, nein, für den miserablen Zustand unser aller. Mich ließ ich weiter außen vor. Ich existierte nur über Projektionen im Wahn. Umso verwirrender muss es für meine Eltern gewesen sein, Rückschlüsse über meine Gedanken über mein von außen bizarres Verhalten zu ziehen.

Ich war im Wahn gefangen, aber leidet man wenn man keine Worte fürs Leiden hat? Ich hatte keine Zeit zu leiden, kann man es vielleicht zusammenfassen. Dafür blieb mir genug Zeit in der Depression.

 

Die ersten Tage auf der Geschlossenen und die verflixte Angst

Schlaff und ermattet lag ich auf der Trage wie ein krankes Tier. Ich zuckte kurz zusammen, als ich kaltes Metall an meinem Knöchel spürte. Dann beugte sich eine Ärztin zu mir runter und ich flüsterte: „Ich bin ja froh, dass ich hier bin.“ „Ich glaube wir können die Fixierung weglassen.“, hörte ich eine Stimme sagen. Fixierung? Ungläubig blickte ich hoch, blinzelte in das durchdringende Neonlicht. Ich fühlte mich als das gewaltfreieste Wesen überhaupt, hatte ich kaum die Kraft mich umzudrehen. Wie ein angefahrenes Wild harrte ich zitternd aus.

In den nächsten Stunden und Tagen versank ich im tiefsten Nebel der Psychose. Ich erinnere mich ganz wage an das Aufnahmegespräch mit dem Oberarzt, den ich für einen Polizisten und Leiter einer Untersuchungskommission hielt. Es musste der kommende Morgen meiner Einweisung gewesen sein. „Sind wir uns nicht schon einmal in Berlin begegnet?“, fragte ich ihn unbefangen zum Abschluss. Ich meinte, in ihm jemanden wiederzuerkennen mit dem ich am Spreeufer auf einer Parkbank gesessen hatte und Eis gegessen. An die ersten Besuche meiner Familie dagegen fehlt mir jegliche Erinnerung. Ich weiß nur noch, dass ich in den ersten Tagen meinen Vater nach der Uhrzeit fragte, dann nach dem Datum und schließlich nach dem Jahr. Ich hatte das Gefühl aus einem jahrhundertelangem Schlaf aufgewacht zu sein und befürchtete schon viele Jahre in dieser Anstalt verbracht zu haben. Für kurze Zeit zog ich es sogar in Erwägung, dass ich mich in einem Totenreich befinden würde.

Die Mitpatienten nahm ich als Schattenmenschen wahr. Ich glaubte, sie seien bezahlte Schauspieler, welche zur Polizei gehörten und mich beschützen bzw. beschatten sollten. Mir waren sie mal suspekt und unheimlich, dann wieder bewunderte ich sie für ihr darstellerisches Talent. Einige Tage später sollte meine Wahrnehmung noch differenziert verirrter werden, es taten sich neue Gräben und Trennlinien auf, aber nie konnte ich sie sehen für das was sie waren: Patienten wie ich.

Die Umgebung sollte ein größtmögliches Maß an Ruhe und Sicherheit vermitteln, aber immer wieder wurde sie durchbrochen von der Wucht des Wahnsinns. Einige, wenige manische Patienten liefen aufgeregt umher, schrien und blieben auch nachts wach. Doch es war unbedeutend, ob große oder kleine Störungen den Tagesablauf unterbrachen – alles verunsicherte mich! Alles machte mir eine furchtbare, unerträgliche Angst, die mich von der Mitte meines Körpers aus überschwemmte, wie eine reizende Flüssigkeit sich ausbreitete. Es war, als trüge ich eine Quelle in mir mit unerschöpflichen Vorräten an angstmachenden Substanzen: Eine aufgehende Tür, der Klang von Absätzen auf dem Gang – nichts stand für sich. Alles verlangte danach von mir aufgeklärt und entschlüsselt zu werden. Jedes Ereignis traf mich im Kern meiner Existenz und ich unternahm große geistige Anstrengungen, um mich wieder auf dem festen Boden der Wirklichkeit wiederzufinden, aber stattdessen entfernte ich mich in schwindelerregende Höhen des Wahns. Ich dachte und dachte und doch schien ich mich in einer Aufwärtsspirale zu befinden. Beinahe traf ich mich am Ursprung meiner Gedankengänge wieder, drehte mich im Kreis, aber dann gab ich ihm doch noch eine neue Wendung und so verkomplizierte und systematisierte sich mein Wahn zu einem größeren Denkgebäude.

Es ist an dieser Stelle unbedeutend, die Details meines Wahns zu erläutern. Er war nur Symptom für meine gestörte Wahrnehmung und Gefühlswelt, meine krankmachende Angst. Zu dieser kehre ich in meinen Reflexionen über die Zeit immer wieder zurück. Sie ließ alles entgleisen und warf mich aus der Bahn des allgemeinen Miteinanders.

Es ist für mich nicht erfassbar, wie ich manche Dinge habe denken können, aber leiden tat ich und tue ich manchmal noch heute an dieser Angst. Lange Zeit hatte ich keine Worte für sie, da mein Wahn Rechtfertigungen für ebendiese fand. Ich meinte also selbst kein Problem zu haben, da meine Angst ja begründet war. Aber ab dem Zeitpunkt, da ich verstand, dass es keinen äußeren Auslöser gab, dass ich im Epizentrum des Erdbebens stand, da änderte sich alles. Die Weltverschwörung verpuffte und verkehrte sich zu einem Konzept von psychischer Krankheit. Weniges könnte weiter voneinander entfernt liegen. Das war kalt und schmerzvoll. Eine sichere Welt, ja, aber auch eine emotionslose sowie abweisende. Ich hatte mich vergeblich bemüht das richtige zu tun, mit meinen Dämonen allein gekämpft. Nicht für den Weltfrieden sondern für meine, nur für meine eigene, unbedeutende Existenz. Ich meinte alle retten zu müssen und dabei konnte ich mich nicht mal um mich selbst kümmern. Desillusionierende Wahrheiten.

Weg in die Psychiatrie Teil 2

Ich sah den Polizeiwagen von weiten und lief auf die zwei Beamten zu. Man fragte mich, ob ich Drogen genommen hätte und ich antwortete: „Nicht bewusst.“ Worte, die die junge Polizistin mit (un)wissender Miene wiederholte. (Ich habe nie Drogen genommen.) „Möchten sie ins Krankenhaus oder in die Psychiatrie?“, schaltete sich der andere Polizist ein. Das war eigentlich eine klare Ansage, aber in mir verschwammen Szenarien der unerträglichsten Schicksale. Würde ich im Krankenhaus behandelt oder gefoltert werden, meine Organe verkauft? Oder sollte man mich für immer in der Psychiatrie festsetzen? Ich war nicht in der Lage eine Entscheidung zu treffen. Es musste eine tiefere Botschaft hinter seinen Worten stecken, aber ich verstand nicht, welche Wahl ich treffen sollte um mein Überleben zu sichern. „Lass gut sein, ich mach das schon“, erwiderte die erste Polizistin. Dann trug man mich in den Krankentransporter. Ich strampelte mit aller Kraft mit den Beinen, dann wieder hatte ich die Eingebung, dass es das Beste sei sich ruhig zu verhalten. Ich wusste nicht, in welcher Obhut ich nun war und wie ich mich am sinnvollsten verhielt: Gesund oder krank oder krank gemacht. Ich wusste es nicht. Ich harrte letztendlich still auf meiner Trage aus. In einem kurzen Fenster der Klarheit raffte ich mich noch einmal auf und spulte Daten über mich herunter: Meine Adresse, was ich studierte etc. Ich beeilte mich, da ich spürte, dass der Nebel bald wieder aufziehen würde und mein Bewusstsein einhüllen. Ich orientierte mich immer noch an der jungen Polizistin – mit ihrer ruhigen, bestimmten Art hatte sie es geschafft in mir Vertrauen zu erwecken und mich über meine von Misstrauen gefärbten Wahnvorstellungen hinwegzusetzen.

In mir bebte es, aber ich hielt mich an einem dünnen Ast der Hoffnung fest und sah meinem Schicksal mit einer Mischung aus Untergangsgleichgültigkeit und purer Angst entgegen. Ich zitterte während sich der Krankenwagen in die Kurven legte. Dann dämmerte ich weg und kam erst in der Geschlossenen wieder zu mir.

Weg in die Psychiatrie Teil 1

Meine Eltern hatten seit einiger Zeit gemerkt, dass etwas mit mir nicht stimmte. Ich meinte, die Welt wäre verrückt, sie meinten mich. Wirre E-Mails und SMS taten ihr Übriges. Sie holten mich ab aus meiner Wohnung und brachten mich zu ihnen nach Hause. Dort angekommen beruhigte ich mich nur für wenige Stunden, an Schlaf war aber nicht zu denken. Ich hatte völlig das Gefühl für Zeit verloren. Tag und Nacht ging ineinander über.

Am nächsten morgen legte ich mich auf die Couch und nach einigen Stunden stand ich abrupt auf. Ohne Ziel zog es mich nach draußen. Ich hielt es nicht mehr aus. Irgendwas riss an mir und ich musste fliehen. Wohin? Zurück nach Berlin? Ich war in Gefahr.

Ich überlegte zum Bahnhof zu laufen oder ein Krankenhaus aufzusuchen. Hier würde ich eventuell auf die mir helfenden Forscher treffen, die sich für mich einsetzten. Sie unterlagen schließlich dem hippokratischen Eid und waren deshalb meine letzte Hoffnung. Sicher wäre der Zugverkehr auch längst angehalten worden, folgerte ich und entschied mich weiter in Richtung Krankenhaus zu laufen. Wie ein junger Hund hastete ich die Straßen entlang. TOCK, tock, TOCK, tock – der Rhythmus meiner Absätze schien mich weiter anzufeuern. Peter Fox – ich hatte den Kopf verloren.

Ich war gefangen in dieser Inszenierung, eine Getriebene. Ich lief weiter, immer weiter. Mein Körper neigte sich, wenn ich um die Häuserecken schrammte. Hinter den wenigen Leuten, denen ich begegnete vermutete ich Kollaborateure, die angehalten waren meine Wege zu überwachen, aber in keinem Fall einzugreifen. Der Rest der Bevölkerung war sicher dazu aufgerufen in ihren Häusern zu bleiben und das Geschehen live an den Fernsehbildschirmen zu verfolgen. Am Himmel hörte ich Hubschrauber kreisen, konnte aber keinen entdecken.

Ich hatte mich verirrt. Lief orientierungslos durch die Stadt und sprach Fremde auf Englisch an. Aber niemand verstand, was ich von ihnen wollte – ich wusste es ja selber nicht.

In einem einsamen Industriegebiet drehte ich mich um die eigene Achse und versuchte mich zu sammeln, da hörte ich von Weitem ein Polizeiauto vorfahren…

 

 

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